Die geschichtliche Entwicklung Niederlibbachs

(Aus einem Artikel von Hans Jörg Vogel „800 Jahre Libbach“)

Die Chatten wurden zum Christentum bekehrt und damit in die fränkische Reichskirche einbezogen. Größte Verdienste um die Christianisierung Deutschlands erwarb sich Bonifatius, seit dem Jahr 732 Erzbischof und päpstlicher Vikar des ganzen ostfränkischen Missionsgebietes, im Jahr 747 Übernahme des Bistums Mainz. Auf einen seiner bekann testen Schüler, den späteren Erzbischof Lullus von Mainz, geht die Klostergründung von Bleidenstadt zurück (um 755/770). In einer Umschreibung des Klosterbezirks aus dem Jahr 812 wird ein Ort namens Libbach zwar nicht erwähnt, es darf aber angenommen werden, dass der Libbacher Grund schon damals zum Kloster Bleidenstadt gehörte. Die Äbte des Klosters wählten sich Grafen als Vögte (Schirmherren), die allerdings immer wieder versuchten, das Land in ihren eigenen Besitz zu bringen. Ein Konflikt dieser Art, der von Abt Heinrich nur vorübergehend beigelegt werden konnte, veranlasste das Kloster, die Kurie in Rom anzurufen. Papst Lucius III. erteilte daraufhin am 21. Februar 1184 dem Kloster den gewünschten Schutzbrief, in dem die Rechte und der Besitz ausdrücklich bestätigt wurden. Unter den namentlich verzeichneten Gütern finden wir neben Wallau, Schierstein, Kempten bei Bingen, Würges, Bubenheim, Klingelbach, Michelbach, Holzhausen, Habenscheid, Wörsdorf, Strinz-Margarethä und Strinz-Trinitatis auch „Lidelbach“.

Mit dieser Erwähnung ist die Existenz des Ortes erstmals zuverlässig belegt. In späteren Urkunden änderte sich die Schreibweise mehrfach: So hieß es im Jahr 1318 Lydebach, 1416 Liedebach. Im Jahr 1446 war erstmals von zwei Dörfern namens Liedebach die Rede, 1527 tauchen die Namen Niederen und Oberen Liedbach auf, im Jahr 1585 schließlich Libach.

Der Streit um Libbach und andere Besitztümer der Abtei Bleidenstadt fand auch unter den Grafen von Nassau kein Ende, die vom frühen 12. Jahrhundert an als Grafen des Königs-sondergaus und als Vögte des Klosters herrschten. Bei der nassauischen Landesteilung im Jahr 1355 fielen die Zehntrechte über Bleidenstadt und die zugehörigen Dörfer an die Weilburger Linie, während Idstein und Wiesbaden an die Idsteiner Linie gingen. Im 15. Jahrhundert lag Graf Johann von Nassau-Idstein im Streit mit der geistlichen Obrigkeit: Als im Jahr 1465 das Kloster Bleidenstadt dem Grafen die Verlängerung des bisherigen Lehensvertrages über die beiden Vogteien Würges und Kirberg sowie die Dörfer Strim-Margarethä, Hambach und Libbach verweigerte und damit seine Macht unter Beweis stellen wollte, konnte sich Graf Johann die zur Befriedigung seiner eigenen Lehensleute dringend benötigten Lehen nur unter Einschaltung seines Bruders, des Erzbischofs Adolf von Mainz, sichern.

Auch über die Bevölkerung erfahren wir im 16. Jahrhundert erstmals Genaueres. So bestätigte im Jahre 1566 das Oberamt Idstein der Gemeinde Niederlibbach 14 Haushal-tungen mit einer Einwohnerzahl von 45 bis 50. Während der Ort von einer die Grafschaft Nassau überziehenden Pestwelle verschont blieb, brachte der 30jährige Krieg auch den Niederlibbachern Not und Elend. Als man am Ende des Krieges (1648) Bilanz zog, konnte man noch zwei Haushaltungen mit 7 Bewohnern registrieren, und es dauerte ein halbes Jahrhundert, bis Niederlibbach wieder 28 Seelen zählte.

Die Menschen lebten weiterhin, wie eh und je, in ärmlichen Verhältnissen und beugten sich unter dem Druck der Abgaben. Das raue Klima gefährdete oft genug die ohnehin kargen Erträge aus der Landwirtschaft. Eine Zeitlang nutzte man die Gemeindewälder zur Gewin-nung von Holzkohle, um die Einnahmen aufzubessern.

War man auch nicht mit materiellen Gütern gesegnet, so durfte man sich wenigstens "geistiger Segnungen" erfreuen. Vom Jahr 1599 an konnten die Libbacher Kinder — zusammen mit denen von Panrod und Steckenroth — die Schule in Wehen besuchen, die nach ihrer Gründung im Jahr 1596 auf Initiative der Gräfin Anna von Nassau-Weilburg gerade erweitert worden war. Offen bleibt allerdings die Frage, weshalb die Kinder aus Libbach nicht den viel kürzeren Weg nach Strinz-Trinitatis fanden, wo es bereits seit 1562 eine überdies einen hervorragenden Ruf genießende Schule gab. Nach dem 30jährigen Krieg jedenfalls wechselte man nach Strinz-Margarethä, bis es im Jahr 1697 zur Bildung eines — fast 200 Jahre bestehenden — Schulverbandes kam, der aus Niederlibbach, Oberlibbach und Hambach bestand, und man daranging, ein gemeinsames Schulbaus in Niederlibbach zu errichten.

Die Quellen des 18. Jahrhunderts vermerken für Niederlibbach Auseinandersetzungen um die Besitzrechte über Ländereien des ehemaligen Dorfes Breit(en)scheid. Dieser Ort muss im Gebiet zwischen Kesselbach, Limbach, Ober- und Niederlibbach gelegen haben. Er wird im Jahr 1392 erstmals erwähnt, taucht aber im Ortsverzeichnis des Oberamtes Idstein seit dem Jahr 1566 nicht mehr auf. Die Gründe für sein Verschwinden sind nicht bekannt, dürften aber in der ungünstigen Lage des Standortes zu suchen sein. Der Streit, in dem vor allem Görsroth und Kesselbach Kontrahenten der Libbacher waren, endete im Jahr 1772 durch die von Fürst Carl persönlich verfügte Einstellung des Verfahrens.

Die Jahre 1771/72 erhielten übrigens noch in ganz anderer Hinsicht Gewicht: Eine Hungers-not ließ die schon um einiges früher in Nassau eingeführte Kartoffel endgültig zum wich-tigsten Grundnahrungsmittel werden. Beträchtliche Veränderungen brachte das 19. Jahrhun-dert. In der Rheinbundakte (1806) wurden die Fürstentümer Nassau-Weilburg und Nassau-Usingen, zu dem seit 1728 das Oberamt Idstein gehörter, vereinigt und zum Herzogtum Nassau erhoben. Von noch größerer, weil unmittelbarerer Bedeutung für die Landbevöl-kerung dürfte jedoch die Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahr 1808 gewesen sein. 1866 verlor Herzog Adolf von Nassau als Bundesgenosse Österreichs sein Land an die im preußisch-österreichischen Krieg siegreichen Preußen. Nun gehörte unsere Heimat zur preußischen Provinz Hessen-Nassau, die in Landkreise unterteilt wurde. Aus den ehema-ligen Ämtern Idstein, Wehen und Langenschwalbach entstand im Jahr 1867 der Untertau-nuskreis. Als Amtsgerichtsbezirke lebten die alten Ämter jedoch fort.

Es begann jetzt eine Epoche, die schon deutlich in die Gegenwart hineinwirkt. Gegen Ende des Jahrhunderts durchzogen bereits zwei Eisenbahnlinien das Kreisgebiet. Die Gemeinden Oberlibbach, Niederlibbach und Hambach bildeten vorübergehend einen Totenhofverband, der im Jahr 1889 aufgelöst wurde, als man infolge des Anwachsens der Bevölkerung in jeder Gemeinde einen eigenen Friedhof für erforderlich hielt. Der Friedhof von Niederlibbach wurde am 25.12.1889 seiner Bestimmung übergeben.

Kurz nach der Jahrhundertwende wurden die ersten Wasserleitungen (1902) und das erste Telefon (1904) verlegt. Zwanzig Jahre später hielt die Elektrizität in Niederlibbach ihren Einzug. Im Januar 1931 wurde in Anwesenheit des Landrates und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung ein neues Schulgebäude eingeweiht, zu dessen Finanzierung die Gemeinde 20.000 Mark beisteuerte. Noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, im Jahre 1938, wurde der Straßenbau in Angriff genommen. Zum Bau einer Kanalisation allerdings reichte das Geld vorerst nicht.

Der Verlust an männlichen Einwohnern infolge der Kriege wurde zahlenmäßig durch den Zustrom von Heimatvertriebenen und Evakuierten nach 1945 wettgemacht. Die Einwoh-nerzahl, die über Jahrzehnte hinweg um 200 schwankte, schnellte auf etwa 360 hoch. Niederlibbach trat in die jüngste Phase seiner Entwicklung ein. Eine Flurbereinigung der Feldgemarkung, die als Folge der über Generationen hinweg betriebenen Erbteilung zersplittert war, schuf die Voraussetzung für eine nach modernen Gesichtspunkten ausgerichtete Landwirtschaft (1960/62).

Ab 1964 veränderte sich auch das vertraute Ortsbild. Der ständig zunehmende Straßen-verkehr forderte eine breitere und übersichtlichere Ortsdurchfahrt. Alte Häuser, Scheunen und Stallungen, die dem im Wege standen, wurden abgerissen: zunächst die Hofreiten Christmann (am Ortsausgang nach Strinz-Margarethä) und Bietz (Ortsmitte), einige Jahre später das Haus Ulrich (1967) und das Backhaus (1968), beide ebenfalls in der Ortsmitte gelegen. Die Hauptstraße selbst wurde dann kurz danach (1968) begradigt und ausgebaut. Die bei dieser Gelegenheit vorgenommene Erneuerung der Wasserleitung führte zusammen mit dem Bau eines neuen Hochbehälters (Fassungsvermögen 200 cbm) zu einer wesentlichen Verbesserung der Wasserversorgung für das gesamte Dorf. Doch damit nicht genug. Die Protokolle der Gemeindegremien verzeichnen für diese Zeit auch

  • die Erneuerung und Erweiterung der Kanalisation in Hauptstraße und Strinzer Weg; 
  • Eine zweite Tiefbohrung und deren Anschluss an das Versorgungsnetz;
  • den Ausbau bzw. die Befestigung von Straßen, Bürgersteigen sowie Feld- und Waldwegen;
  • die Errichtung einer Trauerhalle;
  • die Installierung einer Ortsrufanlage;
  • die Anschaffung eines neuen Einsatz­fahrzeuges mit einer Tragkraftspritze für die Freiwillige Feuerwehr;
  • erste Umbau- und Renovierungsarbeiten in der ehemaligen Schule zur Schaffung eines Dorfgemeinschaftshauses mit Hausmeisterwohnung;
  • Gestaltung des Platzes in der Dorfmitte;
  • die Errichtung eines Kinderspielplatzes, eines Bolzplatzes für die Jugend und eines Grillplatzes.

Mit der Aufzählung wollen wir den Blick in die Niederlibbacher Geschichte an dieser Stelle erst einmal beenden. Natürlich geht die Geschichte weiter, doch das bleibt weiteren Recherchen vorbehalten.